Gewinnen heißt nicht immer, alles richtig gemacht zu haben

Wir machen uns etwas vor. Immer und immer wieder. Und das nur, weil wir nicht damit leben können, es nicht zu wissen. Wir ziehen Mutmaßungen und Behauptungen der Gewissheit vor. Der Gewissheit, dass wir nicht alles wissen können, dass wir nicht alles vorhersehen und beeinflussen können.

Denn wir wissen weniger, als wir glauben. Die Werke Soccernomics (Kuper, Szymanski) und The Numbers Game (Anderson, Sally) handeln von dem Nutzen von Statistiken, Technologie und Big Data für Macher der Fußballwelt. Sie versuchen, das Spiel zu berechnen, möchten den Ausgang vorhersagen, und müssen doch zugeben, dass der Zufall eine größere Rolle spielt, als uns allen lieb wäre und vor allem, als wir allgemein zugeben. Der Einfluss des Trainers auf das Spielergebnis wird genauso überschätzt, wie der Einfluss des Zufalls unterschätzt wird. Dieses Prinzip gilt für alle Bereiche des Lebens. Wir Menschen fühlen uns unwohl bei dem Gedanken, etwas nicht zu wissen. Wir konstruieren wenn nötig Kausalität, wo keine ist, um dem unangenehmen Gefühl der Unwissenheit zu entkommen. Wir möchten kohärente Geschichten hören, die uns in der Gewissheit wiegen, wir wüssten, warum Ereignisse und Ergebnisse eintreten. Zumeist begründen wir die Dinge allerdings erst im Nachhinein. Der Halo-Effekt, wie Psychologen es nennen, bringt uns dazu, eine schlüssige Geschichte zu formen, in denen der Sieger aufgrund von überlegener Strategie, höherer Intelligenz und besserer Performance gewonnen, der Verlierer aufgrund von Unterlegenheit und Fehlern verloren hat. In der Welt bekommt jeder, was er verdient. Wer gesiegt hat, hat gut gearbeitet, wer verloren hat, hat Fehler gemacht. In einer gerechten Welt lebt es sich besser, auch wenn wir sie uns erst konstruieren müssen.

Allerdings: Wer gefragt wird, ob er die Aussage: „Die Welt ist gerecht“ für zutreffend hält, würde wahrscheinlich verneinen. Warum aber sollte die Welt des Fußballs gerecht sein? Spoiler: Sie ist es nicht. Wir wissen, dass die Welt nicht gerecht ist, trotzdem suchen wir immer wieder Gründe, warum sie es doch ist. Wir beurteilen im Nachhinein.

Baruch Fischhoff, ein amerikanischer Risikoforscher, nennt es den „Ich wusste es die ganze Zeit-Effekt“. Entscheidungen von Entscheidern werden im Nachhinein anhand ihres Ergebnisses bewertet, nicht anhand der Qualität der Entscheidung zum Zeitpunkt, an dem sie getroffen wurde. Die Entscheidung, einen bestimmten Spieler aufzustellen oder nicht, wir danach beurteilt, wie fundiert oder vernünftig sie vor dem Spiel war, sondern nur danach, ob es funktioniert hat. Ob es funktioniert oder nicht, darauf hat allerdings der Zufall einen nicht unerheblichen Einfluss.

Gibt es überhaupt Experten?

Daniel Kahneman, ein amerikanischer Psychologe, hat zusammen mit Amos Tversky einen Nobelpreis für ihre Untersuchungen  über Entscheidungsfindung erhalten. Über Jahre hinweg haben sie Entscheidungen von Menschen unter Risiko, bzw. Unsicherheit untersucht und dabei bahnbrechende Erkenntnisse gemacht. An dieser Stelle erwähne ich die Forschungen zum Thema Experten. Wir finden überall Experten, es gibt Börsenexperten, Wetterexperten und eben Fußballexperten, und damit meine ich nicht nur die sogenannten Experten am Weißbiertisch bei Sky oder Sport1, sondern auch Trainer, Funktionäre und Manager. Experten definieren sich vor allem dadurch, dass die mehr Wissen über ein gewisses Themenfeld angehäuft haben. Sie wissen mehr als der Laie und können dadurch, und das ist entscheidend, bessere Vorhersagen machen als Nicht-Experten. Doch stimmt das? Um das zu untersuchen, möchte ich drei Bedingungen nennen, unter denen sich Expertentum entwickeln kann. Erstens braucht es eine Umgebung, die hinreichend regelmäßig ist, um vorhersagbar zu sein, und zweitens die Gelegenheit für den Experten, diese Regelmäßigkeiten durch langjährige Übung zu erlernen. Drittens, und das ist hier der kritische Punkt, muss der Experte regelmäßig sachdienliches Feedback auf seine Entscheidungen und Handlungen bekommen. Das heißt, das Feedback muss eine Kausalität zwischen Handlung und Ergebnis herstellen. Blicken wir hier auf den Fußball, hieße das, der Trainer müsste erkennen können, warum seine Entscheidung zu welchem Ergebnis geführt hat. Dabei würden wir den Faktor Zufall aber ausschließen. Um  ein extremes, aber plakatives Beispiel zu nennen: Während des Spiels fängt es an zu regnen, ein Abschluss von Team 1, der bei trockenen Bedingungen zum Tor geführt hätte, bleibt nun in einer Pfütze liegen. Im Gegenzug beschleunigt sich ein Schuss von Team B durch den nassen Rasen so sehr, dass er für den Torhüter unhaltbar wird. Der Zufall hat hier entschieden, nicht die Entscheidung des Trainers. In einer Umgebung, in der der Zufall so einen großen Einfluss auf das Ergebnis hat, ist das Erlangen von Expertise nur eingeschränkt möglich. Ich möchte damit nicht sagen, dass ein Profitrainer nicht mehr vom Fußball wüsste, als ein Blasmusiker, sondern nur, dass wir niemals in der Lage sind, alle Faktoren zu berücksichtigen, die auf den Einfluss auf den Ausgang des Spiels haben.

Und doch wird das behauptet.

Man zeige mir den letzten Fußballtrainer, der es nach einem Spiel gewagt hat, auf die Frage des Interviewers nach den Gründen für den Sieg/Niederlage zu antworten: „Ich weiß es nicht.“ Unwissenheit wird als Schwäche ausgelegt, als Zeichen von Inkompetenz. Doch ist es nicht vielmehr inkompetent und schwach, wenn wir Gründe für etwas suchen, für das wir eigentlich keine Gründe haben?

Auch wenn es in unserer Welt nie mögliche sein wird, Unwissenheit öffentlich zuzugeben, ohne dass dadurch Kompetenz infrage gestellt wird, so werden wir doch ein Stückchen weiser, wenn wir zugeben, dass wir nicht alles wissen.

Wie Guardiola sagte: „I’m going to tell you something that’s absolutely true: I don’t have all the answers. Often when I don’t know something, I act in front of the players as if I do. I do so that they believe I have the answers and that gives them the confidence to play.”

Machen wir uns also klar, dass wir nicht immer alle Antworten haben, auch wenn die Welt es von uns verlangt und wir so handeln. Mir persönlich nimmt es Druck und es macht mich glücklicher. Ich kann gut damit leben, nicht alles zu wissen.

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