Der Sport braucht keine Einschleifer: das Differenzielle Lernen

Einschleifer, so wird gemeinhin ein „harter Hund“ genannt, ein Trainer, der die Spieler Trainingsübungen wiederholen lässt, bis sie sich vor Erschöpfung übergeben. Felix Magath wird oftmals nachgesagt, er sei einer dieser Sorte. Mit „Einschleifer“ meine ich in diesem Artikel konkret den Typus von Trainer, der dieselbe Bewegungsausführung immer und immer wieder wiederholt. Das Ziel dieses traditionellen Trainingsansatzes ist die Verbesserung der Bewegungsausführung. Verbesserung = effizienter und effektiver.

Demgegenüber stelle ich den Ansatz des differenziellen Lernens (differential learning approach), nach Wolfgang Schöllhorn. In der Theorie beider Ansätze gibt es einen grundlegenden Unterschied: Der traditionelle Ansatz („Einschleifen“) geht davon aus, dass sich durch Wiederholung derselben Bewegung diese verbessert. Der differenzielle Lernansatz allerdings beruht auf der Annahme, dass es keine zwei gleichen Bewegungen gibt. Jede Bewegung ist einzigartig und unmöglich zu wiederholen. Kleinste Differenzen in der Bodenbeschaffenheit, der Geschwindigkeit des Spielers oder Balles, der Stellung und dem körperlichen Zustand des Spielers, etc., verändern die Bewegung. Geht man also von dieser Annahme aus, muss die Trainingsmethodik überdacht werden.

Schauen wir uns einmal die Interpretation von drei Bereichen des Trainings an:

  1. Fehler: Hier setzen wir bereits am Wort an sich an. „Fehler“ implizieren, dass eine ineffektive, oder „falsche“ Handlung durchgeführt wurde, und es Wissen um die „richtige“ Ausführung gäbe. Kritisiert der Trainer den Spieler für einen solchen Fehler, so hat der Spieler also etwas getan, von dem sein Trainer weiß, dass es „falsch“ ist. Der differenzielle Lernansatz begreift Fehler aber nicht als „falsche“ Handlung, sondern lediglich als eine natürliche Schwankung in der Handlungsausführung. Fehler helfen dem Spieler, zu lernen, welche Konsequenzen seine Handlungen haben. Insofern sind Fehler eine Notwendigkeit für den Lernprozess.
  2. Der Einschleifprozess: Wie einleitend bereits erläutert, ist das Einschleifen unter der Prämisse der Unwiederholbarkeit einer Bewegung kein sinnvoller Lernsansatz. Der Spieler sollte also möglichst viele verschiedene Trainingssituationen durchlaufen, um durch das Lernen verschiedenster Situationen seine Einschätzung der einzelnen Situationen zu verbessern. Somit gewinnt er die Fähigkeit, neue Situationen bestmöglich einzuschätzen und effektiv bewältigen zu können.
  3. Die Idealbewegungen: Die klassische Trainingslehre geht davon aus, dass es eine ideale Bewegungsausführung gäbe. Der Spieler sollte also vom Trainer korrigiert werden, wenn er von dieser abweicht. Der differenzielle Ansatz weicht von dieser Annahme ab. Menschen sind unterschiedlich und ebenso auch die für die effektivste und effizienteste Bewegungsausführung. Jeder Sportler hat demzufolge seine eigene, individuelle Idealbewegung. Diese findet er durch Ausprobieren und Übung unter immer wieder veränderten Bedingungen. ¹

Was bedeutet das nun für die Trainingsmethodik?

Es gibt keine zwei exakt gleichen Bewegungen. Führen wir eine Übung zweimal aus, dann werden sich beide Durchführungen voneinander unterscheiden, wenn auch nur um Details. Wir haben also eine gewisse „Streuung“, eine Differenz. Ein dritter Versuch würde sich abermals unterscheiden, er läge innerhalb oder außerhalb der Differenz der ersten beiden Versuche. Durch weitere Versuche unterschiedlicher Durchführungen lernt der Spieler für jede Situation immer effektivere Bewegungsdurchführungen zu finden. Die Differenzen zwischen den Bewegungen sind die Informationen, aus denen der Spieler lernt.

Der differentielle Lernsansatz propagiert die Variation des Trainings. Alle Faktoren, die im Spiel auch nur im kleinsten Differenzbereich variieren könnten (z.B. der Untergrund, der Ball, das Wetter) , sollten im Training unter Einbeziehung eines großen Differenzbereichs trainiert werden. Kleinere Bälle, kleinere oder größere Tore, verschiedene Bodenbeschaffenheiten u.v.m. kann variiert werden, um den Lernprozess der Spieler zu ermöglichen. Durch den differentiellen Lernansatz können auch die überdurchschnittlichen technischen Fähigkeiten vieler südamerikanischer Spieler erklärt werden. Gerade in den Armenvierteln der großen Städte wird oftmals auf unebenem Untergrund mit unförmigen Bällen gespielt. Ob also die aalglatten Kunstrasenplätze, auf denen nun überall in Deutschland gespielt wird, für die technische Entwicklung insbesondere im jungen Alter zuträglich sind darf diskutiert werden.

Nun, was bleibt nach diesem theoretischen Exkurs für den Alltag auf dem Platz?

Fehler sind notwendig und nicht als „falsch“ zu begreifen, sondern als natürliches Ausloten der individuellen Idealbewegung. Variationen im Training erhöhen die Differenzen und damit die Informationen, die dem Spieler für den Lernprozess zur Verfügung stehen. Wenn also der Kunstrasen mal nicht zur Verfügung steht, dann ist es gar nicht mal so schlimm, auf den Aschenplatz nebenan auszuweichen…im Gegenteil.

 

¹Anmerkung von mir hierzu: Trotz Anpassung der Ballgrößen an die verschiedenen Altersklassen seitens des DFB sind die Verhältnisse des Spielers zur Ballgröße, Spielfeldgröße, Gegnergröße u.v.m. während des gesamten Wachstums schwankend. Wie könnte ein Trainer um die jeweilige Idealbewegung eines Spielers, welche sich ja täglich ändert, wissen? Sehr anschaulich wird die Veränderung der Idealbewegung meist im Alter von 13-15 Jahren, wenn der pubertäre Wachstumsschub einsetzt. Die veränderte individuelle Idealbewegung wird hier oftmals durch eine plötzliche Verschlechterung der motorischen und damit technischen Fähigkeiten des Spielers deutlich. Nicht durch korrigierende Vorgaben des Trainers wird der Spieler seine Bewegungen an die neuen Anforderungen anpassen, sondern einzig durch Übung und Fehler.

Weiterführende Artikel:

https://www.blogs.uni-mainz.de/fb02-sport/files/2014/05/tws_Individulitaet.pdf

https://sport.uni-mainz.de/files/2014/05/tws_DifferenziellesLernen.pdf

Die differenzielle Lernmethode

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