Ergebnisorientierung vs. Entwicklungsorientierung

„Schon wieder so ein Weltverbesserer-Beitrag. Ich weiß aus tausend DFB-Fortbildungen, ich mache meinen Job als Jugendtrainer gut, wenn sich alle meine Spieler vom Beginn der Saison bis zum Ende der Saison verbessert haben…bla..bla..bla. Warum sollte ich diesen Beitrag noch lesen?“

Wer davon überzeugt ist, er macht alles richtig, der kann hier gerne aufhören zu lesen. Ich glaube, ich mache noch nicht alles richtig, deswegen schreibe ich weiter. Aber ernsthaft, wer keinen Bock auf einen weiteren „Weltverbesserer“-Beitrag hat, der klickt jetzt auf das kleine x rechts oben im Bildschirm. Ich fange jetzt nämlich an.

Dass die Tabelle nicht der Gradmesser für gute Jugendarbeit ist, sollte uns allen bewusst sein. Trotzdem unterstelle ich mal, dass ein Großteil derer, die bei der Frage danach mit dem Kopf nicken würden, innerlich negieren und ihre gute Tabellensituation auf großartige Jugendtrainerleistungen zurückführen, ob dem so sei oder nicht. Ganz ehrlich: Jeder von uns ist nach einem Sieg ein Stück weit zufriedener als nach einer Niederlage, im Fußball geht es nunmal ums Gewinnen.

„Ein guter Trainer gewinnt“

Ich sage aber: Wir Trainer müssen uns freimachen davon. Wir sollten den Blick vom Ergebnis heben und unseren Fokus auf die Dinge lenken, die für Jugendtrainer wichtig sind. Zuerst müssen wir uns dazu klarmachen, dass Gewinnen nicht unser einziges Ziel sein darf. Warum? Dazu müssen wir uns zuallererst die Frage stellen, warum wir Jugendtrainer sind. Was ist unser Ziel? Wer gewinnen will, dem geht es nicht um die Kinder. Ihm geht es um die eigene Reputation. Denn Timmy, mit 12 Jahren bereits 1,70 Meter groß, hat 8 Jahre später nichts mehr davon, dass er in der D-Jugend jedes Spiel gewonnen hat. Er spielt Kreisliga, kann mit dem linken Fuß kaum einen Ball stoppen und versteht immer noch nicht, warum er nicht mehr jeden langen Ball des Innenverteidigers erläuft, wie es ihm sein D-Jugendtrainer beigebracht hat. Doch Herbert, Timmy´s ehemaliger Jugendtrainer, ist nicht mehr Dachdecker, sondern hat einen Job bei einem Nachwuchsleistungszentrum. Warum? Er muss ein großartiger Trainer sein, hat er doch mit seiner D-Jugend alles weggeputzt.

Ich möchte hier unserem Herbert nichts Böses unterstellen, er hat so gehandelt, wie er es für richtig hielt. Er hat gelernt, Langholz bringt Sicherheit, der schnellste und größte muss nach vorne und die kleinen Kinder müssen erst wachsen, bevor sie spielen dürfen. Doch spätestens unsere Trainergeneration muss es besser wissen. Doch zurück zu der Ausgangsfrage, warum sind wir Jugendtrainer? Ich spreche mal für mich, gehe aber davon aus ,dass einige andere auch so denken. Ich möchte Spieler ausbilden. Ich möchte Profis ausbilden, zumindest aber Spieler, die sich mit dem Sport etwas zum Studium hinzuverdienen können.Wo liegt also der Trainingsfokus?

Um konkret zu werden, bräuchte ich Stunden, also gehen wir das Ganze etwas theoretischer an. Ich muss den Kindern das beibringen, was sie später nicht mehr lernen können. Und dazu gehören keine Waldläufe, Treppensprints oder Taktikstunden über das Kontern. Gerade bis zur C-Jugend müssen Kinder alle Grundtechniken erlernen und immer weiter perfektionieren. Was hier einmal gelernt wurde, bleibt für immer. Wird es nicht gelernt, wird es nie mehr erlernt.

Wie lernen Kinder am besten die Grundtechniken? Indem sie am Ball arbeiten. Und zwar immer, im Training und im Spiel. Wie das im Training ablaufen sollte, ist überall hinreichende erklärt. Ich möchte den Fokus auf das Spiel legen. Für das Spiel heißt dieser Grundsatz dann nämlich: Wir brauchen Ballbesitz. Und zwar immer. Wie wir zur Genüge wissen, heißt Ballbesitz nicht automatisch Sieg. Aber dafür sind wir im Jugendfußball, Siege sind erst im Seniorenfußball Pflicht. Im Jugendfußball ist Entwicklungsorientierung Pflicht. Und dazu muss der Trainer zugunsten der Entwicklung der Spieler auf Siege verzichten.

 

Tabellarischer Überblick

  leistungsorientiert entwicklungsorientiert
Ergebnisse Gelten als Gradmesser für Leistungsfähigkeit der Kinder. Sind kein Gradmesser für die Leistungsfähigkeit und Entwicklung der Kinder.
Taktisches Konzept Auf Sieg spielen, unabhängig von der Entwicklung der Kinder. Das kurzfristig erfolgreichste taktische Mittel wird gewählt, z.B. Konterspiel. Das taktische Konzept ist langfristig ausgelegt. Es wird die Spielweise gewählt, welche den Kindern am besten die Möglichkeit gibt, sich zu entwickeln. Diese ist der Ballbesitzfußball.
Siegeswille Die Spieler müssen auf jeden Fall gewinnen. Dazu ist jedes Mittel recht, welches dem Ziel dient, den Sieg davonzutragen. Die Spieler sollen einen absoluten Siegeswillen zeigen. Taktische Prinzipien zum Wohle der fußballerischen Entwicklung bleiben bei allem Siegeswillen unangetastet. Fairness und Sportsgeist sind wichtiger als Sieg oder Niederlage.

 

Es ist extrem schwer, sich an die Grundsätze zu halten. Doch wir Trainer sollten uns losmachen, von den Ergebnissen als Gradmesser unserer Arbeit. Denn auch wenn es elitär und arrogant klingt: Wer es besser weiß, der braucht nicht die Anerkennung der anderen.

Kleiner Test zur Selbstüberprüfung

Seid hier kritisch mit Euch selber. Es gibt kein gutes oder schlechtes Ergebnis, es hat sich gelohnt, wenn ihr einen Punkt bei Euch gefunden habt, den ihr nun verbessern wollt oder könnt. So wie wir kritisch mit unseren Spielern sind, sollten wir auch immer wieder uns selbst hinterfragen.

Selbsttest zur Entwicklungsorientierung

4 Kommentare

  1. Markus

    Warum lautet die Überschrift Ergebnisorientierung vs. Entwicklungsorientierung? Warum steht da ein vs. (versus)? Die Präposition bedeutet „beschreibt zwei Parteien oder Begriffe, die einander gegenüber stehen: gegen, im Gegensatz zu“ (Quelle: https://de.wiktionary.org/wiki/versus). Können die sich nicht auch ergänzen? Ist es für meine Entwicklung nicht auch gut einmal andere Spielsysteme, Spielphilosophien und Spieltaktiken zu erlernen und auszuprobieren? Warum soll ich als Trainer nicht auch mal auf lange Bälle zurückgreifen, um die Kindern diese Erfahrung machen zu lassen? Ich denke, dass auch Ergebnisorientierung zur Entwicklung von Kindern beitragen kann. Deshalb bin ich für Vielfalt! Immer nur Ballbesitzfußball ist aus meiner Sicht zu eintönig und bietet den Kindern keine Handlungsalternativen.

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  2. Peter

    Bin nicht ganz Deiner Meinung.
    Für Kinder ist Ballbesitz nicht interessant und somit auch nicht wichtig.
    Kinder wollen im Fussball Tore schiessen.

    Oberstes Ziel: Lachen, lernen, leisten.
    Aus diesem obersten Ziel und dem Fakt das die Kinder im Fussball Tore schiessen wollen, müssen folgende Schwerpunkte gesetzt werden:

    Spielsituation „Wir haben den Ball“:
    – Tore vorbereiten
    – Tore erzielen

    Spielsituation „Der Gegner hat den Ball“:
    – Ball zurückerobern
    – Tore verhindern (nicht primär)

    Hier steht das Toreschiessen im Vordergrund. Gewinnen ist aus Sicht des Ausbildners nebensächlich.
    Wichtig ist, dass jedes Kind im Spiel Tore vorbereitet, schiesst, verhindert und Ball erobert.

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  3. Jörg

    Ich finde das hier ein bißchen Unglücklich, denn man kann nach dem Ergebnis erst erkennen ob eine positive Entwicklung stattgefunden hat. Ich habe vor kurzen eine F-Jugend jüngerer Jahrgang(nur 2008er) übernommen, hatten vorher fast alle Spiele zweistellig verloren. Es waren kaum Grundtechniken vorhanden. Innerhalb von den zwei Monaten wo ich das Training übernommen habe,sehen die Ergebnisse ganz anders aus. Spielen in der 1 KK (b) außer eine Mannschaft in der Gruppe haben die nur 2007er, zwei Spiele gespielt und zweimal verloren (8:0 ; 5:0 !!nicht zweistellig!!)
    Das Training sieht so aus: Koordination(Kondition/Schnelligkeit); Ballannahme,Passen(rechts und links), also die ganzen Grundtechniken sind im Training enthalten. Ich kann von mir sagen ich bin entwicklungsorientiert und ergebnisorientiert . Welcher Trainer verliert denn gerne? Wenn die Mannschaft ein gutes Spiel macht und verliert, wäre das ok. Spielt die Mannschaft schlecht und verliert, bin ich nicht zufrieden.Fazit: Das eine geht mit dem anderen nicht.

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    1. trainer-tools.de (Beitrag Autor)

      Hallo Jörg,
      Ich finde nicht, dass man erst an einem Ergebnis erkennt, ob eine positive Entwicklung stattgefunden hat. In den Medien und bei den Fans mag das so sein, aber als Trainer sollte man Verbesserungen auch erkennen, wenn sie sich noch nicht in Ergebnissen niederschlagen, das zeichnet einen Trainer doch aus.
      Gruß, David

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