Warum wir uns von der Schule nichts abgucken sollten

Dieser Beitrag richtet den Fokus etwas weg vom Fußballplatz und ist als klare Kritik an unserem Bildungssystem zu verstehen. Der Autor dieses Artikels ist kein Bildungswissenschaftler oder gar Lehrer, noch Psychologe oder Pädagoge. Ich versuche einfach nur, Fehlentwicklungen zu erkennen, zu analysieren und alternative Lösungs- und Herangehensweisen zu finden. Auch wird keine neue Wahrheit verkündet, sondern eine Meinung zur Diskussion freigegeben. Ich freue mich schon jetzt auf Euer Feedback!

Grundlage meiner Argumentation ist die feste Überzeugung, dass es für jedes Problem meist verschiedene Lösungen gibt, und immer verschiedene Wege, zu einer Lösung zu kommen. Verschiedene Lösungsfindungen rühren von unterschiedlichen Denkmustern verschiedener Menschen. So sind die Prozesse, die in einem Gehirn ablaufen von Mensch zu Mensch immer etwas unterschiedlich. Nicht jeder Mensch kommt durch den gleichen Gedankengang zur Lösung. Ein einfaches Beispiel: Die Rechenaufgabe 9×4 kann gelöst werden, indem 4×9 gerechnet wird, was aufgrund des kleinen Multiplikators (4) und des größeren Multiplikanden dem ein oder anderen einfacher erscheinen mag. Eine zweite Lösungstechnik wäre es, 10×4 zu rechnen, was aufgrund des wohl angenehmsten Mulitplikators (10) sehr einfach erscheint (=40), und danach wieder 4 zu subtrahieren. Beide Wege führen zur richtigen Lösung: 36. Hier stellt sich die Frage: Welcher der beiden Wege ist besser? Ich meine, es hängt vom Menschen ab. Gerade der Mathematikunterricht in der Schule belohnt aber einen „richtigen Lösungsweg“ und bestraft damit Schüler, die alternative Wege finden um zu ihrer Lösung zu kommen.

Der Naturwissenschaftler und Psychologe Jean Piaget (1896-1980) erkannte bereits, dass Kinder vollkommen andere Denkmuster aufweisen als Erwachsene. Die hierzulande übliche staatliche Schule missachtet diesen Umstand in gewaltigem Maße, indem sie versucht, Kindern die Denkweise Erwachsener aufzuzwingen. Dem Kind wird nicht die Möglichkeit gegeben, den für sich richtigen Lösungsweg zu finden, um an ein Ziel zu kommen, sondern das Kind muss den vorgezeichneten Lösungsweg nachgehen. Schon der Arzt und Soziologe Gustave Le Bon (1841-1931) erkannte in seinem wohl bekanntesten Werk „Psychologie der Massen“ (1895) die Probleme dieses Ansatzes: „Die erste Gefahr dieser (…) Erziehung besteht darin, dass sie auf dem psychologischen Grundirrtum beruht, die Intelligenz entwickle sich durch das Auswendiglernen von Lehrbüchern.“¹ Dies ist, so zitiert Le Bon den ehemaligen frz. Unterrichtsminister Jules Simon, „nur ein Glaube an die Unfehlbarkeit des Lehrers“ und mache uns nur „schwächer und unvermögend“. Tatsächlich, so meine persönliche Meinung, sollten wir niemals aufhören, unsere eigenen Erkenntnisse und unser Wissen zu hinterfragen. Verkaufen wir dieses den Kindern allerdings als die einzige Wahrheit, so zementieren wir möglicherweise auch Irrtümer. Sicher aber verhindern wir die Entwicklung der Kreativität der Kinder. Einer der Grundsätze der Erkenntnisse Piagets lautet: „Das Ziel der Erziehung ist, Männer und Frauen zu schaffen, die fähig sind, neue Dinge zu tun.“ Stopfen wir aber unsere Kinder mit unseren bereits für bewiesen geglaubten Fakten voll und geben dem Kind nicht die Möglichkeit, frei zu denken, so werden diese Kinder nicht in der Lage dazu sein, neue Dinge zu tun.

Was heißt das für unser Training?

Den mit Abstand größten Teil unseres Training sollte, gerade bei jüngeren Jahrgängen, darauf abfallen, den Kindern freies Spielen zu ermöglichen. Hierbei machen die Spieler Fehler, doch genau aus diesen Fehlern lernen sie. Haben sie nicht die Chance, ihren eigenen Lösungsweg zu finden (und diesen finden sie erst nach einigen Fehlern) werden sie niemals ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen können. Wir dürfen unsere Spieler nicht in ein Idealmodell quetschen, sondern ihnen den Raum geben, sich selbst zu entfalten. Das klingt ein wenig abgedroschen, daher ein Beispiel: Hätte man dem Weltmeister und Weltstar Mesut Özil in seiner Jugend dazu bringen wollen, sich einen Laufstil anzueignen, der mehr Kraft ausstrahlt, so wie beispielsweise der von Christiano Ronaldo, wäre dieser niemals dort gelandet, wo sich jetzt befindet. Die Veranlagung von Spielern ist vollkommen unterschiedlich, trotzdem können zwei gänzlich unterschiedlich veranlagte Spieler trotzdem auf ihre eigene, individuelle Weise Spitzenniveau erreichen. Wir müssen unseren Spielern Werkzeuge mitgeben, diese aber angepasst an den einzelnen Spieler. Wie und auf welche Weise der Spieler dieses Werkzeug einsetzt, muss er selbst im freien Spiel erlernen.

Gebt den Spielern diese Freiheiten, unterstützt sie in ihrem persönlichen Weg. Das Fußballspiel hat für jedes Kind ein eigenes Gesicht.

Was sind Eure Gedanken zu dem Thema? Schreibt einen Kommentar oder kontaktiert mich persönlich.

 

Literaturverzeichnis:

¹Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Paris 1895, dt. Übersetzung Leipzig 1908, Ndr. Köln 2016, S.88

Wie findest Du das deutsche Bildungssystem?

2 Kommentare

  1. Rainer

    Hi David,

    dass Du LeBon und Piaget zitierst, wird dir sicherlich einiges an Kopfschütteln bringen. Besonders die Recherchen und Versuche von Piaget werden in der Entwicklungspsychologie stellenweise sehr kritisch gesehen.

    Wie Du wahrscheinlich selbst gemerkt haben wirst, ist die Massenpsychologie von LeBon kein einfacher Schinken. Blendet man mal einige Aspekte aus, die aufgrund der damaligen Zeit ebenso geäußert wurden, dann kann man noch heute diesem Werk in vielen Bereichen etwas abgewinnen.

    Von mir gibt es einen großen Applaus dafür, dass Du den Blick über den Tellerrand hinaus wagst. Doch auch der Blick über den Tellerrand wird heutzutage nicht nützlich sein, wenn man nicht auch mal unter dem Teller nachschaut … 😉

    Was ich damit sagen will: Bleib bei dieser Form von Beiträgen! Die 08/15-Beiträge gibt es wie Sand am Meer. Ich weiß, dass solche Beiträge anstregend sind, aber sie sind es wert für alle – und für dich selbst auch.

    Beste Grüße

    Rainer

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  2. Tom Bobsien

    Genau so sehe ich das auch! Nicht nur die Schule zeigt dir nur einen Weg, sondern das System zeigt dir nur einen Weg!
    Der EINE Weg lautet: Schule -> Ausbildung/Studium -> Beruf -> Rente -> Tod.
    Daraus gilt es auszubrechen. Natürlich nur, wenn man es will, ein glückliches Leben zu führen.
    Good job!

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